Interview mit Kirsten Simon

Interview mit Kirsten Simon

ūüēď Lesezeit circa 9 Minuten

Der Artikel ‚ÄěInterview mit Kirsten Simon – Die Tiere haben alle ein Schicksal hinter sich‚Äú erschien in der EN-Aktuell 04/18. In der Zeitschrift ist nur ein gek√ľrzter Teil des Interviews zu lesen. Das komplette, ungek√ľrzte Interview finden Sie hier ‚Äď zum Anh√∂ren oder Lesen.

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Interview mit Kirsten Simon: „Die Tiere haben alle ein Schicksal hinter sich“

Die Leiterin des Tierheims Witten, Wetter & Herdecke, Kirsten Simon, hat sich f√ľr uns die Zeit genommen und viele spannende Fragen zu ihren Tieren und dem Tierheim beantwortet. Da das Tierheim auf Spenden und hilfsbereite Tierfreunde angewiesen ist, hoffen die Mitarbeiter des Tierheims und auch die Redaktion der EN-Aktuell Sie mit diesem Interview nicht nur zu unterhalten, sondern auch f√ľr mehr Engagement im Tierschutz begeistern zu k√∂nnen.

Welche Tiere nehmen sie bei sich im Tierheim auf?
So einige! Fast alles, was man so gängig als Haustier kennt. Es kommen aber auch immer mal wieder Exoten. Oder wie jetzt gerade Nutztiere als Sicherstellung. Oder Wildtiere zur Aufzucht. Das ist ganz unterschiedlich.

Wie kommen Sie an die Tiere? Werden die Ihnen gebracht?
Es gibt mehrere M√∂glichkeiten. Es gibt beh√∂rdliche Sicherstellungen, es gibt Abgabetiere, es gibt Fundtiere. Teilweise werden sie gebracht, teilweise holen wir sie ab, weil wir auch Rufbereitschaft f√ľr einige St√§dte oder das Veterin√§ramt haben. Das ist also echt ganz unterschiedlich.

Was bedeutet es emotional f√ľr einen Hund oder eine Katze im Tierheim zu landen?
Also das kommt jetzt wirklich ein bisschen darauf an, wie die vorherige Haltung war. Das ist ganz unterschiedlich. Also wenn wir jetzt einen Fall nehmen zum Beispiel einen Hund, der es wirklich immer gut hatte und bei dem der Besitzer pl√∂tzlich verstirbt, dann ist das f√ľr diesen Hund nat√ľrlich erstmal ein Riesenschock. Da kann es auch sein, dass ein solcher Hund ein paar Tage nicht fressen m√∂chte. Es gibt aber auch Hunde, die freudestrahlend reingehen und den ersten Tag sofort fressen und das toll finden. Das ist sowas von unterschiedlich!

Wie lange bleibt ein Tier durchschnittlich bei Ihnen im Heim?
Auch das ist wirklich wieder ganz unterschiedlich. Es gibt den netten, s√ľ√üen Welpen der kommt und der quasi nur ein paar Tage hier ist bis die tier√§rztlichen Sachen durchgef√ľhrt wurden und die Leute ihn kennenlernen konnten und ihn hier mehrfach gesucht haben. Dann gibt es Hunde, die mehrfach gebissen haben, die wirklich sehr schwierig sind. Hunde, bei denen wir selber eine Zeit brauchen, um sie √ľberhaupt anfassen zu k√∂nnen. Die Hunde stehen manchmal jahrelang. Bei Katzen ist es √§hnlich, obwohl die meistens nicht so lange Standzeiten haben wie Hunde. Dann kommt es bei Kleintieren auch ein bisschen darauf an, die gehen aber meistens recht schnell. Wildtiere bleiben nur so lange bis sie hoffentlich wieder aufgep√§ppelt sind und wieder ausgewildert werden k√∂nnen. Das dauert auch unterschiedlich lang.

Reicht der Platz f√ľr alle Tiere, die Sie haben?
Definitiv nein! Wir m√ľssen hier wirklich st√§ndig tricksen und versuchen, das irgendwie hinzukriegen. Man muss dann auch mal bei privaten Abgabetieren die Leute vertr√∂sten, weil Fund und Sicherstellungen nat√ľrlich erstmal vorgehen.

Welche Anzahl an Tieren haben Sie in der Regel?
Im Moment sind es 210 Tiere.

Gibt es Tiere, die Ihnen besonders ans Herz gewachsen sind? Erinnern Sie sich an Schicksale von Tieren, die Sie sehr ber√ľhrt haben?
Da gibt es nat√ľrlich wahnsinnig viele Erinnerungen. Es gibt auch einige, wo man sich Jahre sp√§ter noch dran erinnert. Jetzt gerade ganz aktuell geht mir eine Fundh√ľndin von Samstag durch den Kopf, die wir abgeholt haben und die auf einem Friedhof in Wuppertal herumlief. Eine kleine, blinde, taube H√ľndin! Da hat sich immer noch keiner gemeldet! Ich bef√ľrchte da fast, dass das kein normaler Fundhund ist. Sowas ist nat√ľrlich immer sehr sehr unverst√§ndlich.

Wie finanzieren sie das Tierheim? Nur mit Spenden oder bekommen Sie auch Unterst√ľtzung von der Stadt?
Nat√ľrlich, die St√§dte, mit denen wir einen Vertrag haben, m√ľssen unter anderem eine sogenannte Fundtierpauschale bezahlen, damit wir die Fundtiere aus den St√§dten auch aufnehmen. Es ist ganz klar, dass da nat√ľrlich nicht alle Kosten mit gedeckt werden k√∂nnen. Dann hat man Vermittlungsgeb√ľhren. Wir k√∂nnen die Tiere nicht umsonst abgeben. Das w√§re auch nicht sehr gut, wenn man das tun w√ľrde. Wir bekommen auch Spenden, klar, aber man muss immer dazu sagen: eine Vermittlungsgeb√ľhr deckt noch nicht einmal die tier√§rztliche Versorgung der Tiere. Das ist halt alles immer ein kniffliges Spiel, damit es finanziell einigerma√üen hinhaut.

Bitte spenden Sie
f√ľr das Tierheim:

Sparkasse Witten, IBAN: DE64452500350000042457

Mitgliedschaften und Spenden an das Tierheim sind steuerabzugsfähig. Ab einer Spende von 50 Euro wird automatisch eine Spendenquittung ausgestellt.

Wie viel kostet die Unterbringung eines Hundes / einer Katze am Tag?
Man hat Durchschnittswerte ausgerechnet, wobei das nat√ľrlich nur das N√∂tigste, wie Reinigung, Futter und √§hnliche Versorgungsaufgaben berechnet wird. Eine Katze liegt bei ca. 7 Euro, ein Hund bei 12 Euro. Aber wir haben nat√ľrlich auch F√§lle wie Katzenbabys, die wir rund um die Uhr f√ľttern m√ľssen, und das kann man gar nicht mit Geld aufwiegen! Oder kranke Tiere, auch die Wildtiere, die alle zwei Stunden gef√ľttert werden m√ľssen. Ich glaube, das in Geld umzurechnen, ist eher schwierig.

Wenn ich weder Geld spenden, noch ein Tier bei mir aufnehmen m√∂chte oder kann: welche weiteren M√∂glichkeiten habe ich, um das Tierheim Witten, Wetter & Herdecke zu unterst√ľtzen?
Es gibt verschiedene M√∂glichkeiten. Wie haben viele Ehrenamtliche, die mit den Hunden Gassi gehen oder sich um die Katzen k√ľmmern. Wenn man nicht Geld spenden m√∂chte, m√∂chte man vielleicht direkt etwas spenden, wie Futterspenden, die sind extrem willkommen. Tja, was kann man noch tun? Ich meine, man kann ja nicht nur dem Tierheim etwas Gutes tun, man kann im Vorfeld ja auch bitte mal √ľberlegen, wenn man sich selber ein Tier anschaffen m√∂chte, ob man das auch wirklich stemmen kann und auch finanziell! Das w√ľrde einem Tierheim auch schon ein bisschen helfen.

Wenn ich einen Hund oder eine Katze aus dem Tierheim zu mir holen möchte, was gibt es alles zu bedenken?
Da gibt es eine Menge zu bedenken! Gerade im Moment merkt man immer wieder, dass die Leute teilweise erwarten, dass wir eine Bedienungsanleitung und eine Garantie bei Tieren geben k√∂nnen – was wir nat√ľrlich nicht k√∂nnen! Die Tiere haben alle ein Schicksal hinter sich. Grunds√§tzlich ist es auch gerade bei Hunden so, dass man mehrfach kommen, die Tiere kennenlernen, und mit ihnen rausgehen muss. Aber auch in dieser Zeit kann man nur ungef√§hr schauen, ob das zueinander passen w√ľrde, das Mensch-Hunde-Gespann. Man kann da keine Garantien geben, weder zu Gesundheit noch zu einem Charakter eines Tieres. Das ist im Moment so ein kleines Problem, was wir mit einigen Leuten nachtr√§glich haben, weil die wirklich quasi Tiere reklamieren m√∂chten, und das ist nat√ľrlich schwer m√∂glich. Ein Hund verh√§lt sich bei jeder Person anders. Wenn der Hund bei uns supertoll und lieb ist, kann es trotzdem sein, dass wenn die Leute zu Hause einiges falsch machen, dass das dann nicht mehr so ist. Und daf√ľr k√∂nnen wir nat√ľrlich keine Garantie geben.

Das hei√üt, die R√ľckgabequote ist hoch?
Nein, ich w√ľrde nicht sagen hoch‚Ķ Zwei Praxisbeispiele: Ein junger Wohnungskater mit zwei Jahren kommt nach zwei Wochen zu uns zur√ľck, weil er nachts zu laut und generell zu verspielt ist. Das h√§tte man sich vielleicht vorher √ľberlegen k√∂nnen bei einem jungen Kater in einer Wohnung. Oder auch dass man einen √§lteren Hund zu sich nimmt, der wirklich jahrelang in einer extrem schlechten Haltung gelebt hat. Dieser Hund war hier wirklich astrein, hatte nur ein paar gesundheitliche Macken. Doch jetzt bei den neuen Leuten zu Hause mit der entsprechenden Tier√§rztin kamen noch mehr gesundheitliche Probleme ans Licht. Angeblich sei der Hund charakterlich auf einmal beim Tierarzt nicht mehr behandelbar, wobei er zuvor mit uns in der Tierklinik war und sogar ohne Narkose ger√∂ntgt werden konnte. Der Hund war hier immer astrein. Das sind zwei Beispiele daf√ľr, dass Tiere sich nat√ľrlich zu Hause ganz ganz anders verhalten k√∂nnen, und dass wir daf√ľr keine Garantie geben k√∂nnen. Zumal das alles auch eine Trainingssache ist. Die Leute verstehen oft auch nicht, dass wir als Tierheim, wenn nachher Tierarztkosten anfallen, nicht f√ľr jedes vermittelte Tier nachher noch Tierarztkosten anteilig oder voll √ľbernehmen k√∂nnen. Dann k√∂nnten wir morgen hier zumachen. Also das sollten sich die Menschen vorher sehr gut √ľberlegen. Wenn man Gl√ľck hat muss man nur zweimal im Jahr sein Tier entwurmen oder einmal im Jahr impfen, wenn man Pech hat, kann es aber auch richtig teuer werden. Das ist bei uns genauso, unsere Tierarztrechnungen m√∂chten Sie nicht sehen!

Was kostet so ein Tier?
Sie meinen jetzt an Vermittlungsgeb√ľhr bei uns? Also das kommt jetzt auch ein bisschen darauf an. Bei Hunden geht es normalerweise ab 200 Euro los, dann sind die geimpft, gechipt und entwurmt. Und die Tier√§rztin hat dr√ľber geguckt. Aber wie gesagt, auch die √Ąrztin hat nat√ľrlich keinen R√∂ntgenblick und kann keine Garantien geben. Die Geb√ľhr kann bis zu 300 Euro hochgehen, mit einer kastrierten H√ľndin zum Beispiel. Bei Katzen ist es ganz unterschiedlich. Jungkatzen mit der ersten Impfung liegen bei 40 Euro. Preislich kann das bis 160 bei einer Katze hochgehen. Dann hat die Katze einen Bluttest, ist gechipt, entwurmt, nat√ľrlich kastriert, das ist dann alles gemacht. Bei Kleintieren kommt das so ein bisschen darauf an. Das aller teuerste mit 40 Euro k√∂nnte ein kastriertes B√∂ckchen (Anm. d. Redaktion: B√∂ckchen sind m√§nnliche Meerschweinchen) sein, weil die Kastration bei Kleintieren recht teuer ist. Ansonsten sind die so im unteren Bereich. Kaninchen 15 Euro, wenn es Hamster oder kleiner oder M√§use sind machen wir das oft auch gegen Spende, weil wir froh sind, dass da √ľberhaupt jemand kommt und sich so ein Tier aus dem Tierheim holt. Das ist wirklich ganz unterschiedlich. Und bei alten und kranken Tieren verlangen wir keine Schutzgeb√ľhr. Die geben wir dann so mit und sagen den Leuten einfach, sie sollen ihr Geld in die erforderlichen Tierarztkosten stecken. Da sind wir froh, wenn √ľberhaupt jemand so ein altes Sch√§tzchen noch zu sich nimmt.

Was w√ľrden Sie Menschen, die sich ein Haustier anschaffen m√∂chten, gerne mit auf dem Weg geben?
Bei Menschen, die sich eines anschaffen m√∂chten, m√∂chte ich mitgeben, dass sie es sich im Vorfeld wirklich extrem gut √ľberlegen. Ein Tier ist eine Riesenverantwortung! Wenn es gut l√§uft f√ľr mehrere Jahre, manchmal auch eine k√ľrze Zeit. Wie gesagt, weder ein Tierheim noch ein Z√ľchter noch sonst jemand kann Ihnen Charaktereigenschaften oder Gesundheit des Tieres garantieren. Und wenn man ganz viel Pech hat, kann ein Tier auch richtig teuer werden. Tierarztkosten sind einfach nicht kalkulierbar. Und das merke ich immer mehr, dass die Leute zwar zum Z√ľchter gehen k√∂nnen, 800 Euro f√ľr ihren ach so teuren Rassewelpen ausgeben k√∂nnen, aber wenn nachher bei diesen Hunden Tierarztkosten entstehen, dann ist auf einmal kein Verst√§ndnis auch kein Geld da und dann werden die Tiere im Tierheim abgegeben. Das sieht man leider immer h√§ufiger.

Und was raten Sie Menschen allgemein, die mehr f√ľr den Tierschutz tun m√∂chten?
In ihrem √∂rtlichen Tierheim vielleicht vorstellig zu werden, mit den Leuten vor Ort zu reden und zu gucken, wo man helfen kann. Vielleicht auch nicht immer mit der Erwartungshaltung drangehen, dass man als Ehrenamtlicher kommt und es ein wahnsinniger Betrieb gerade ist, dass die Leute sofort Zeit haben. Es gibt f√ľr uns nat√ľrlich noch einiges nebenbei zu tun! Also wir haben viele nette, tolle Ehrenamtliche, die wirklich helfen. Aber es gibt auch immer mal die F√§lle, gerade bei Gassig√§ngern, die dann wirklich sauer sind, wenn gerade nicht der geeignete Hund zum Spazierengehen da ist. Weil die einen Hunde vielleicht alle schon drau√üen waren. Das muss man dann nat√ľrlich auch verstehen als Ehrenamtlicher.

Vielen Dank f√ľr das Interview.


Mehr Informationen √ľber das Tierheim finden Sie auf¬†Tierheim-witten.de.

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