Interview mit Kirsten Simon

Der Artikel „Interview mit Kirsten Simon – Die Tiere haben alle ein Schicksal hinter sich“ erschien in der EN-Aktuell 04/18. In der Zeitschrift ist nur ein gekürzter Teil des Interviews zu lesen. Das komplette, ungekürzte Interview finden Sie hier – zum Anhören oder Lesen.

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Interview mit Kirsten Simon: „Die Tiere haben alle ein Schicksal hinter sich“

Die Leiterin des Tierheims Witten, Wetter & Herdecke, Kirsten Simon, hat sich für uns die Zeit genommen und viele spannende Fragen zu ihren Tieren und dem Tierheim beantwortet. Da das Tierheim auf Spenden und hilfsbereite Tierfreunde angewiesen ist, hoffen die Mitarbeiter des Tierheims und auch die Redaktion der EN-Aktuell Sie mit diesem Interview nicht nur zu unterhalten, sondern auch für mehr Engagement im Tierschutz begeistern zu können.

Welche Tiere nehmen sie bei sich im Tierheim auf?
So einige! Fast alles, was man so gängig als Haustier kennt. Es kommen aber auch immer mal wieder Exoten. Oder wie jetzt gerade Nutztiere als Sicherstellung. Oder Wildtiere zur Aufzucht. Das ist ganz unterschiedlich.

Wie kommen Sie an die Tiere? Werden die Ihnen gebracht?
Es gibt mehrere Möglichkeiten. Es gibt behördliche Sicherstellungen, es gibt Abgabetiere, es gibt Fundtiere. Teilweise werden sie gebracht, teilweise holen wir sie ab, weil wir auch Rufbereitschaft für einige Städte oder das Veterinäramt haben. Das ist also echt ganz unterschiedlich.

Was bedeutet es emotional für einen Hund oder eine Katze im Tierheim zu landen?
Also das kommt jetzt wirklich ein bisschen darauf an, wie die vorherige Haltung war. Das ist ganz unterschiedlich. Also wenn wir jetzt einen Fall nehmen zum Beispiel einen Hund, der es wirklich immer gut hatte und bei dem der Besitzer plötzlich verstirbt, dann ist das für diesen Hund natürlich erstmal ein Riesenschock. Da kann es auch sein, dass ein solcher Hund ein paar Tage nicht fressen möchte. Es gibt aber auch Hunde, die freudestrahlend reingehen und den ersten Tag sofort fressen und das toll finden. Das ist sowas von unterschiedlich!

Wie lange bleibt ein Tier durchschnittlich bei Ihnen im Heim?
Auch das ist wirklich wieder ganz unterschiedlich. Es gibt den netten, süßen Welpen der kommt und der quasi nur ein paar Tage hier ist bis die tierärztlichen Sachen durchgeführt wurden und die Leute ihn kennenlernen konnten und ihn hier mehrfach gesucht haben. Dann gibt es Hunde, die mehrfach gebissen haben, die wirklich sehr schwierig sind. Hunde, bei denen wir selber eine Zeit brauchen, um sie überhaupt anfassen zu können. Die Hunde stehen manchmal jahrelang. Bei Katzen ist es ähnlich, obwohl die meistens nicht so lange Standzeiten haben wie Hunde. Dann kommt es bei Kleintieren auch ein bisschen darauf an, die gehen aber meistens recht schnell. Wildtiere bleiben nur so lange bis sie hoffentlich wieder aufgepäppelt sind und wieder ausgewildert werden können. Das dauert auch unterschiedlich lang.

Reicht der Platz für alle Tiere, die Sie haben?
Definitiv nein! Wir müssen hier wirklich ständig tricksen und versuchen, das irgendwie hinzukriegen. Man muss dann auch mal bei privaten Abgabetieren die Leute vertrösten, weil Fund und Sicherstellungen natürlich erstmal vorgehen.

Welche Anzahl an Tieren haben Sie in der Regel?
Im Moment sind es 210 Tiere.

Gibt es Tiere, die Ihnen besonders ans Herz gewachsen sind? Erinnern Sie sich an Schicksale von Tieren, die Sie sehr berührt haben?
Da gibt es natürlich wahnsinnig viele Erinnerungen. Es gibt auch einige, wo man sich Jahre später noch dran erinnert. Jetzt gerade ganz aktuell geht mir eine Fundhündin von Samstag durch den Kopf, die wir abgeholt haben und die auf einem Friedhof in Wuppertal herumlief. Eine kleine, blinde, taube Hündin! Da hat sich immer noch keiner gemeldet! Ich befürchte da fast, dass das kein normaler Fundhund ist. Sowas ist natürlich immer sehr sehr unverständlich.

Wie finanzieren sie das Tierheim? Nur mit Spenden oder bekommen Sie auch Unterstützung von der Stadt?
Natürlich, die Städte, mit denen wir einen Vertrag haben, müssen unter anderem eine sogenannte Fundtierpauschale bezahlen, damit wir die Fundtiere aus den Städten auch aufnehmen. Es ist ganz klar, dass da natürlich nicht alle Kosten mit gedeckt werden können. Dann hat man Vermittlungsgebühren. Wir können die Tiere nicht umsonst abgeben. Das wäre auch nicht sehr gut, wenn man das tun würde. Wir bekommen auch Spenden, klar, aber man muss immer dazu sagen: eine Vermittlungsgebühr deckt noch nicht einmal die tierärztliche Versorgung der Tiere. Das ist halt alles immer ein kniffliges Spiel, damit es finanziell einigermaßen hinhaut.

Bitte spenden Sie
für das Tierheim:

Sparkasse Witten, IBAN: DE64452500350000042457

Mitgliedschaften und Spenden an das Tierheim sind steuerabzugsfähig. Ab einer Spende von 50 Euro wird automatisch eine Spendenquittung ausgestellt.

Wie viel kostet die Unterbringung eines Hundes / einer Katze am Tag?
Man hat Durchschnittswerte ausgerechnet, wobei das natürlich nur das Nötigste, wie Reinigung, Futter und ähnliche Versorgungsaufgaben berechnet wird. Eine Katze liegt bei ca. 7 Euro, ein Hund bei 12 Euro. Aber wir haben natürlich auch Fälle wie Katzenbabys, die wir rund um die Uhr füttern müssen, und das kann man gar nicht mit Geld aufwiegen! Oder kranke Tiere, auch die Wildtiere, die alle zwei Stunden gefüttert werden müssen. Ich glaube, das in Geld umzurechnen, ist eher schwierig.

Wenn ich weder Geld spenden, noch ein Tier bei mir aufnehmen möchte oder kann: welche weiteren Möglichkeiten habe ich, um das Tierheim Witten, Wetter & Herdecke zu unterstützen?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten. Wie haben viele Ehrenamtliche, die mit den Hunden Gassi gehen oder sich um die Katzen kümmern. Wenn man nicht Geld spenden möchte, möchte man vielleicht direkt etwas spenden, wie Futterspenden, die sind extrem willkommen. Tja, was kann man noch tun? Ich meine, man kann ja nicht nur dem Tierheim etwas Gutes tun, man kann im Vorfeld ja auch bitte mal überlegen, wenn man sich selber ein Tier anschaffen möchte, ob man das auch wirklich stemmen kann und auch finanziell! Das würde einem Tierheim auch schon ein bisschen helfen.

Wenn ich einen Hund oder eine Katze aus dem Tierheim zu mir holen möchte, was gibt es alles zu bedenken?
Da gibt es eine Menge zu bedenken! Gerade im Moment merkt man immer wieder, dass die Leute teilweise erwarten, dass wir eine Bedienungsanleitung und eine Garantie bei Tieren geben können – was wir natürlich nicht können! Die Tiere haben alle ein Schicksal hinter sich. Grundsätzlich ist es auch gerade bei Hunden so, dass man mehrfach kommen, die Tiere kennenlernen, und mit ihnen rausgehen muss. Aber auch in dieser Zeit kann man nur ungefähr schauen, ob das zueinander passen würde, das Mensch-Hunde-Gespann. Man kann da keine Garantien geben, weder zu Gesundheit noch zu einem Charakter eines Tieres. Das ist im Moment so ein kleines Problem, was wir mit einigen Leuten nachträglich haben, weil die wirklich quasi Tiere reklamieren möchten, und das ist natürlich schwer möglich. Ein Hund verhält sich bei jeder Person anders. Wenn der Hund bei uns supertoll und lieb ist, kann es trotzdem sein, dass wenn die Leute zu Hause einiges falsch machen, dass das dann nicht mehr so ist. Und dafür können wir natürlich keine Garantie geben.

Das heißt, die Rückgabequote ist hoch?
Nein, ich würde nicht sagen hoch… Zwei Praxisbeispiele: Ein junger Wohnungskater mit zwei Jahren kommt nach zwei Wochen zu uns zurück, weil er nachts zu laut und generell zu verspielt ist. Das hätte man sich vielleicht vorher überlegen können bei einem jungen Kater in einer Wohnung. Oder auch dass man einen älteren Hund zu sich nimmt, der wirklich jahrelang in einer extrem schlechten Haltung gelebt hat. Dieser Hund war hier wirklich astrein, hatte nur ein paar gesundheitliche Macken. Doch jetzt bei den neuen Leuten zu Hause mit der entsprechenden Tierärztin kamen noch mehr gesundheitliche Probleme ans Licht. Angeblich sei der Hund charakterlich auf einmal beim Tierarzt nicht mehr behandelbar, wobei er zuvor mit uns in der Tierklinik war und sogar ohne Narkose geröntgt werden konnte. Der Hund war hier immer astrein. Das sind zwei Beispiele dafür, dass Tiere sich natürlich zu Hause ganz ganz anders verhalten können, und dass wir dafür keine Garantie geben können. Zumal das alles auch eine Trainingssache ist. Die Leute verstehen oft auch nicht, dass wir als Tierheim, wenn nachher Tierarztkosten anfallen, nicht für jedes vermittelte Tier nachher noch Tierarztkosten anteilig oder voll übernehmen können. Dann könnten wir morgen hier zumachen. Also das sollten sich die Menschen vorher sehr gut überlegen. Wenn man Glück hat muss man nur zweimal im Jahr sein Tier entwurmen oder einmal im Jahr impfen, wenn man Pech hat, kann es aber auch richtig teuer werden. Das ist bei uns genauso, unsere Tierarztrechnungen möchten Sie nicht sehen!

Was kostet so ein Tier?
Sie meinen jetzt an Vermittlungsgebühr bei uns? Also das kommt jetzt auch ein bisschen darauf an. Bei Hunden geht es normalerweise ab 200 Euro los, dann sind die geimpft, gechipt und entwurmt. Und die Tierärztin hat drüber geguckt. Aber wie gesagt, auch die Ärztin hat natürlich keinen Röntgenblick und kann keine Garantien geben. Die Gebühr kann bis zu 300 Euro hochgehen, mit einer kastrierten Hündin zum Beispiel. Bei Katzen ist es ganz unterschiedlich. Jungkatzen mit der ersten Impfung liegen bei 40 Euro. Preislich kann das bis 160 bei einer Katze hochgehen. Dann hat die Katze einen Bluttest, ist gechipt, entwurmt, natürlich kastriert, das ist dann alles gemacht. Bei Kleintieren kommt das so ein bisschen darauf an. Das aller teuerste mit 40 Euro könnte ein kastriertes Böckchen (Anm. d. Redaktion: Böckchen sind männliche Meerschweinchen) sein, weil die Kastration bei Kleintieren recht teuer ist. Ansonsten sind die so im unteren Bereich. Kaninchen 15 Euro, wenn es Hamster oder kleiner oder Mäuse sind machen wir das oft auch gegen Spende, weil wir froh sind, dass da überhaupt jemand kommt und sich so ein Tier aus dem Tierheim holt. Das ist wirklich ganz unterschiedlich. Und bei alten und kranken Tieren verlangen wir keine Schutzgebühr. Die geben wir dann so mit und sagen den Leuten einfach, sie sollen ihr Geld in die erforderlichen Tierarztkosten stecken. Da sind wir froh, wenn überhaupt jemand so ein altes Schätzchen noch zu sich nimmt.

Was würden Sie Menschen, die sich ein Haustier anschaffen möchten, gerne mit auf dem Weg geben?
Bei Menschen, die sich eines anschaffen möchten, möchte ich mitgeben, dass sie es sich im Vorfeld wirklich extrem gut überlegen. Ein Tier ist eine Riesenverantwortung! Wenn es gut läuft für mehrere Jahre, manchmal auch eine kürze Zeit. Wie gesagt, weder ein Tierheim noch ein Züchter noch sonst jemand kann Ihnen Charaktereigenschaften oder Gesundheit des Tieres garantieren. Und wenn man ganz viel Pech hat, kann ein Tier auch richtig teuer werden. Tierarztkosten sind einfach nicht kalkulierbar. Und das merke ich immer mehr, dass die Leute zwar zum Züchter gehen können, 800 Euro für ihren ach so teuren Rassewelpen ausgeben können, aber wenn nachher bei diesen Hunden Tierarztkosten entstehen, dann ist auf einmal kein Verständnis auch kein Geld da und dann werden die Tiere im Tierheim abgegeben. Das sieht man leider immer häufiger.

Und was raten Sie Menschen allgemein, die mehr für den Tierschutz tun möchten?
In ihrem örtlichen Tierheim vielleicht vorstellig zu werden, mit den Leuten vor Ort zu reden und zu gucken, wo man helfen kann. Vielleicht auch nicht immer mit der Erwartungshaltung drangehen, dass man als Ehrenamtlicher kommt und es ein wahnsinniger Betrieb gerade ist, dass die Leute sofort Zeit haben. Es gibt für uns natürlich noch einiges nebenbei zu tun! Also wir haben viele nette, tolle Ehrenamtliche, die wirklich helfen. Aber es gibt auch immer mal die Fälle, gerade bei Gassigängern, die dann wirklich sauer sind, wenn gerade nicht der geeignete Hund zum Spazierengehen da ist. Weil die einen Hunde vielleicht alle schon draußen waren. Das muss man dann natürlich auch verstehen als Ehrenamtlicher.

Vielen Dank für das Interview.


Mehr Informationen über das Tierheim finden Sie auf Tierheim-witten.de.

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