Das ist Uwe Post
Uwe Post, Jahrgang 1968, ist Software- und Spieleentwickler, IT-Berater sowie Autor von IT-Fachbüchern und SF-Kurzgeschichten und -Romanen. »Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes« wurde 2011 mit dem Deutschen Science Fiction Preis und dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien in Zusammenarbeit mit Uwe Hermann der Sammelband »KI – Komische Intelligenz«. Aktuell ist Posts Kurzgeschichte »Blumen für Lisa-9« für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert. Uwe Post ist außerdem Mitherausgeber des Future Fiction Magazines (Deutsche Ausgabe). Er lebt mit seinen beiden Kindern in Wetter-Esborn.
Weitere Infos finden Sie auf seiner offiziellen Webseite www.uwepost.de.
Desweiteren dürfen wir ein weiteres Buch von Uwe Post verlosen: „KI – KOMISCHE INTELLIGENZ“, die Frage dazu finden Sie nach der Kurzgeschichte, die der Autor speziell für die EN-Aktuell Leser geschrieben hat. Hierfür vielen Dank!
Verkehrt
Kurzgeschichte zum Thema KI im Verkehr
Guten Tach zusammen!
Ich stehe hier an der soeben festlich eingeweihten neuen Straßenbahnhaltestelle in Breckerfeld. Wir hatten ja bereits im Vorfeld berichtet: Heute nimmt sie den Betrieb auf, die von der zentralen Verkehrs-KI des EN-Kreises geplante und gesteuerte Straßenbahnlinie von Breckerfeld über Gevelsberg, Sprockhövel und Witten durchs Ruhrtal nach Hattingen. Ein großartiger Anlass, Sie mitzunehmen auf eine Fahrt quer durch unseren Kreis. An zig Stellen wird es die vielen Errungenschaften unserer deutschlandweit einzigartigen, fortschrittlichen Verkehrs-KI zu besichtigen geben.
Aber zunächst genießen Sie die Aussicht auf dem ersten Abschnitt unserer Überland-Fahrt durch Felder und Wälder unserer schönen Heimat.
Wie Sie sicher wissen, benötigt unsere neue, elegante, mit animierten Werbetafeln ausgestattete Straßenbahn weder Oberleitung noch Fahrer. Oder, besser gesagt: Keine Fahrer aus Fleisch und Blut. Aber befragen wir doch die Straßenbahn selber!
Hallo, Bahn, Zeit für ein paar Fragen?
»Aber sicher, liebe Fahrgästin. Nur halten Sie sich bitte gut fest, wir befahren gleich die ehemalige Trasse an der Hasper Talsperre, die Kurven sind ziemlich eng.«
Gut, also: Warum sitzt kein menschlicher Fahrer vorne in der Kabine?
»Nun, es ist ja schon lange so, dass die Verkehrsgemeinschaft leider keine qualifizierten Mitarbeiter mehr findet, weswegen die Geisterbahn-Variante ohne Fahrer die optimale Option war.«
Ja, der Volksmund hat nicht lange gebraucht, um diesen Namen zu finden: Geisterbahn. Du bist wirklich ein bisschen unheimlich …
»Ich weise gerne darauf hin, dass die Einsparung der Fahrerkabine eine ausgesprochen beliebte Sitzgruppe direkt am Frontfenster ermöglicht. Außerdem kann ich mich im Gegensatz zu menschlichen Fahrern während der Fahrt unterhalten – genau das geschieht ja gerade.«
Richtig, hier hängt nirgendwo ein Schild »Fahrer während der Fahrt nicht ansprechen«.
»Ich gebe jederzeit freundlich Auskunft zu Fahrplan oder Gesundheitsfragen.«
Gesundheitsfragen?
»Sie würden sich wundern, was die Fahrgäste alles wissen wollen. Als Universal-KI habe ich selbstverständlich auf jede Frage eine fundierte Antwort, selbst bei delikaten Themen wie …«
Danke, äh, lassen Sie uns lieber über etwas anderes sprechen: Warum genau benötigt diese neue Bahn keine Oberleitung?
»Viel zu teuer und wartungsintensiv. Schienen genügen! Ich verfüge über leistungsfähige Batterien, direkt unter Ihren Füßen. Diese werden an größeren Haltestellen kontaktlos aufgeladen.«
Bekommen die Leute keinen elektrischen Schlag, wenn sie über so eine Ladestelle laufen?
Natürlich nicht. Der Strom wird erst von mir eingeschaltet, wenn ich an Ort und Stelle zum Stehen gekommen bin. Und da die zunehmend älter werdende Bevölkerung ohnehin eine ganze Weile zum Einsteigen benötigt, genügt die Haltezeit für eine ordentliche Portion Strom.«
A propos Strom: Wir haben gerade eine große Kreuzung im Osten von Gevelsberg passiert, die neuerdings ganz ohne Ampeln auskommt…
»Völlig richtig. Genau in der Mitte steht ja der orange Verkehrsregelroboter (VRR), hebt die Arme wie Schranken, um Fahrzeuge zu leiten. Er ist natürlich zentral KI-gesteuert und viel effizienter als dumme Ampeln, die Autofahrer selbst in tiefer Nacht zum Halten zwingen, obwohl weit und breit kein anderes Fahrzeug in Sicht ist.«
Ja, schön, allerdings liegen uns einige Zuschriften von Lesern vor, die über gewisse Kinderkrankheiten berichten.
»Kinderkrankheiten. Sozusagen. Tatsache ist, dass diese Roboter darauf programmiert sind, nett zu Kindern zu sein – und wenn sie ihnen winken, winkt er zurück, was freilich ein kleines Chaos auf der Kreuzung verursacht, weil alle Autofahrer gleichzeitig losfahren.«
Ein verzweifelt hupendes Blechchaos, wir berichteten ja bereits darüber. Außerdem sind diese Roboter nachts bunt beleuchtet wie Weihnachtsbäume.
»Damit sie gut sichtbar sind. Außerdem ein beliebtes Fotomotiv für Touristen.«
A propos, von der Sorte sehen wir hier gerade noch mehr…
»Richtig. Wir befinden uns jetzt jenseits der Wasserscheide bei Silschede in einer dünn besiedelten, attraktiven Agrarlandschaft. Diese Gegend ist schon immer bekannt für ihre zahlreichen Pferdehöfe.«
Und inzwischen auch für Lastenpferde. Wir haben gerade drei davon überholt und dabei fast ununterbrochen gebimmelt.
»Tja, am Berg sind sie nicht ganz so schnell. Aber Lastenpferde mit GPS-basierter Fernsteuerung im Geschirr sind nicht nur umweltschonend und leicht zu recyceln, sie sind im Gegensatz zu selbstfahrenden Autos auch schlau genug, von selbst auszuweichen, wenn eine Straßenbahn kommt oder wenn jemand ihnen die Vorfahrt nimmt. Sie halten natürlich auch an, wenn Kinder auf die Straße laufen, zum Beispiel um ihnen Äpfel anzubieten. Das ist zweifellos unterhaltsamer für die edlen Tiere, als den halben Tag gelangweilt auf einer Weide herumzustehen.«
Das ist vielleicht ein guter Zeitpunkt, einen prominenten Fahrgast ins Gespräch einzubeziehen: Ich stehe jetzt neben Niko vom Felde …
»Guten Tag.«
Ja guten Tag … Sie sind der zuständige Dezernent der Verkehrsbehörde. Herr vom Felde, würden Sie die Einführung der Lastenpferde als Erfolg bezeichnen?
»Hundertprozentig. Aber natürlich leidet jede neue Technologie unter Kinderkrankheiten und die Akzeptanz in der Bevölkerung entsteht erst nach und nach.«
So kann man das natürlich auch ausdrücken. Sie spielen auf die Pferdeäpfel an, zu denen auch wir viele verärgerte Zuschriften erhalten?
»Nun, ja. Leider hat die Firma, bei der wir die passenden Straßenreinigungsroboter bestellt haben, gerade Lieferschwierigkeiten. Aber wenn die erstmal in Betrieb sind …«
Stimmt es, dass die reiterlosen Pferde eine weitere Tourismusattraktion in unserem Kreis sind?
»In der Tat. Wie sich herausgestellt hat, lassen die Tiere gerne Kinder ein Stück auf sich reiten, wenn man ihnen einen Apfel oder eine Möhre anbietet. Familien reisen von weit her an, um ihre Kinder dabei zu filmen und zu fotografieren, wie sie auf einem Pferd sitzen, das gerade autonom Lebensmittel-Einkäufe, Pakete oder Pizza zustellt.«
Klingt großartig. Nun, wie vereinbart steigen Sie hier um in die Bahn in Gegenrichtung. Die ist zwar noch nicht da …
»Es ist ein warmer Frühlingstag und unsere Haltestellen sind mit besonders informativen, personalisierten Werbetafeln ausgestattet. Man kann sogar ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst mit ihnen spielen.«
Dabei wünsche ich viel Spaß, danke für das Gespräch!
Schon rollen wir weiter über die querfeldein verlegten Schienen, bergauf, bergab, durch Gärten und Wälder, neben einem Radweg. Eichhörnchen und Rehe sind in der Ferne zu sehen, wunderbar beobachtbar durch die Panoramascheibe vorn.
Da wir nun bald unseren Zielort Hattingen erreichen, wo Anschluss an die im Vergleich altmodisch wirkende, noch von Menschen gesteuerte Bochumer Straßenbahn besteht, lassen Sie uns eine beliebige Fahrgästin befragen. Hallo, darf ich Sie vielleicht mal…
»Ja gerne!«
Was halten Sie persönlich denn vom neuen KI-generierten Verkehrskonzept im EN-Kreis?
»Also, ich finde das gaaanz toll. Ich habe so eine persönliche Berater-KI, die aussieht wie ein Kätzchen. Ihre Idee war es übrigens, dass ich heute mit dieser neuen Bahn fahren sollte, weil ich da bestimmt ins Fernsehen komme! Kann ich vielleicht meine Schwester grüßen?«
Na gut, von mir aus …
Oh, wir scheinen am Ziel angekommen zu sein … hier kommt schon die Durchsage der Straßenbahn:
»Liebe Fahrgäste, wir erreichen jetzt unsere Endhaltestelle Hattingen Mitte. Ich bedanke mich für Ihr Vertrauen und liebe Sie alle, auf Wiedertschüss!«
So eine warme Verabschiedung – lassen Sie uns aussteigen, und … Moment mal … dieses Flüsschen ist etwas klein geraten für die Ruhr … und was ist das für ein Rumpeln über uns … das ist doch …
die Wuppertaler Schwebebahn??
(Wir freuen uns auf jeden Fall über Kommentare zur Kurzgeschichte)
Infos zur Geschichte:
1290 Wörter, 8852 Zeichen
6 Seiten
© 2026 Uwe Post
Uwe Post, Ahornstr. 16, 58300 Wetter
Tel. 0176 34564314
uwe.post@upcenter.de
http://uwepost.de
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Welche Farbe hat der Verkehrsregelroboter (VRR) in der Kurzgeschichte „Verkehrt“?
A: Blau
B: Rot
C: Orange
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