Uwe Post Kurzgeschichte September 2026

Uwe Post aus Wetter ist mit dem Deutschen Science-Fiction-Preis 2026 ausgezeichnet worden. Seine
Kurzgeschichte „Blumen für Lisa-9“, erschienen in der Zeitschrift „EXODUS 49“, gewann in der Kategorie „Beste deutschsprachige Kurzgeschichte“. Für den Autor ist es bereits der zweite Deutsche Science-Fiction-Preis. 2011 wurde er für seinen Roman „Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes“ ausgezeichnet. „Es ist eine große Freude, dass ich zum zweiten Mal nach 15 Jahren die wichtigste Auszeichnung in der deutschen Science Fiction entgegennehmen darf“, teilte Post nach Bekanntgabe des Preises mit. Die mit 1.000 Euro dotierte Auszeichnung wird für Science-Fiction-Werke vergeben, die im Vorjahr erstmals auf Deutsch in gedruckter Form erschienen sind. Die Preisverleihung findet am 19. September 2026 im Haus des Buchs in Leipzig im Rahmen des ElsterCon statt.

Für das Spezial „Lesen neu entdeckt“ dieser Ausgabe hat Uwe Post außerdem eine eigens dafür geschriebene Kurzgeschichte beigesteuert. „Das rote Buch“ lädt dazu ein, den Wetteraner Science Fiction Autor noch einmal von einer anderen Seite zu entdecken. Und das Beste: Wer die Geschichte aufmerksam liest, kann sogar eine signierte Ausgabe des Buches „KI2-Komische Intelligenz“ gewinnen, welches er zusammen mit Uwe Hermann geschrieben hat. Lesen Sie nun die Kurgeschichte und nehmen Sie danach am Gewinnspiel teil (Sie finden die Gewinnspielfrage am Ende der Kurzgeschichte).


Das rote Buch

Eine Kurzgeschichte von Uwe Post

Sie wussten nicht so recht, wie sie hierher gekommen waren. Das Dachzimmer hatte sie mit Staub und Vergangenheit empfangen.
Luna und Mick hätten ohne weiteres nebeneinander auf Oma Charlottes alten Sessel gepasst, aber sie zogen es vor, auf den dick gepolsterten Armlehnen zu sitzen. Genau wie früher, als Oma noch zwischen ihnen gesessen hatte und sich wunderte, was denn an den kleinen, schwarzen Bildschirmen so spannend war, dass man unentwegt darauf schauen musste.
»Also, was für einen Film wolltest du mir zeigen?«, fragte Mick gespannt.
»Einen Gruselfilm«, flüsterte Luna im Verschwörertonfall, als könne sie jemand hören, hier oben im alten Mansardenzimmer, das nach Vorgestern, Massivholzmöbeln und der nachtblauen, bauchigen Kaffeekanne roch, die auf dem kleinen Tisch stand, als wäre Oma nur eben eine Tasse holen gegangen.
»Aber ich bin elf und Gruselfilme sind ab 18«, entgegnete Mick und versuchte, nicht ängstlich zu klingen. »Und du bist auch erst zwölf!«
»Der Film ist echt krass, mit Monstern und so«, gab Luna zurück und grinste. Sie stellte ihr Handy auf den kleinen Tisch vor Omas Sessel und lehnte es an die Kaffeekanne, dann startete sie den Film.
Das Handy rutschte an der Kanne ab, klatschte auf den Tisch und unterbrach die Wiedergabe.
»Fail«, kommentierte Luna. Als Mick albern kicherte, befahl sie ihm: »Such was Besseres zum anlehnen!«
Mürrisch kletterte Mick von seiner Sessellehne. Tapste auf Socken zu Omas Wohnzimmerschrank und malte ein Grinsegesicht in den Staub auf der Ablage. Er zeigte auf einen dicken Wälzer mit dunkelrotem Einband. »Das da?«
Luna nickte eifrig. »Ja, Bücher kann man gut gebrauchen, um ein Handy dranzulehnen und Videos zu gucken«, meinte sie.
Mick ließ den Wälzer auf den Tisch fallen. Staub wirbelte hoch und tanzte im Dachfenster-Sonnenstrahl.
»Warte, ich muss …« Luna wollte nach ihrem umgekippten Handy greifen und kam dabei Micks sich ständig bewegenden Unterarmen in die Quere. Mit einem trockenen Wumms knallte das Buch zu Boden – und klappte dabei auf.
Luna kniete sich hin, um es aufzuheben, zögerte aber. Starrte auf die bedruckten Seiten.
»Boah, das sind aber ganz schön viele Buchstaben«, staunte Mick.
Fast andächtig blätterte Luna durch die Seiten und sagte nichts.
»Mit ohne Bilder!«, bemängelte Mick. »Alles nur schwarz auf weiß … Leg es wieder auf den Tisch, nicht dass du noch versehentlich drin liest!« Mick befürchtete, dass Luna ihm doch nicht den Gruselfilm zeigen würde, wenn das rote Buch sie ablenkte. Er wusste, dass seine Cousine gelegentlich Bücher las, aber nicht, wieso. Vermutlich so eine Mädchen-Sache. Er selbst schaute sich bestenfalls Comics an, das war nicht so anstrengend.
Zu spät!
Luna las nicht nur, sie … las ihm sogar vor!
»Hier, hör mal, hier steht: Sie wussten nicht so recht, wie sie hierher gekommen waren.«
»Ja und?«, brummte Mick enttäuscht.
»Das Dachzimmer hatte sie mit Staub und Vergangenheit empfangen …« Luna zögerte. Warf ihrem Cousin einen durchdringenden Blick zu. »Wie sind wir hierher gekommen?«, flüsterte sie.
Verständnislos zeigte Mick auf die Tür. »Die Treppe hoch?«
Luna schüttelte kaum merklich den Kopf. »Erinnerst du dich daran?«
»Ich …«
»Welche Farbe haben die Stufen? Wie riecht es im Treppenhaus?«
Mick wich Lunas Blick aus. »Weiß ich nicht«, gab er zu.
»… aber sie zogen es vor, auf den dick gepolsterten Armlehnen zu sitzen«, las Luna weiter.
Unschlüssig sah Mick von ihr zum großen Sessel. »Aber …«
Seine Cousine warf ihm einen ängstlichen Blick zu. »Wir lesen – und werden gelesen!«, flüsterte sie. Sie hatten beide plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden.
Mick gab ein Piepsgeräusch von sich. Kam sich plötzlich nackt vor. »Ich will aber nicht gelesen werden«, hauchte er und rutschte auf der Armlehne unruhig hin und her. »Ich glaube, ich …«
»Warte!«, unterbrach ihn Luna. »Hör zu:
Setzt euch zu mir, sagte die alte Frau und klopfte auf die beiden Sessellehnen. Ich erzähle euch eine Geschichte, die mir schon von meiner Oma erzählt wurde …«
Luna unterbrach sich. Die Kinder schauten still auf die leere Sitzfläche zwischen ihnen.
»Wisst ihr«, las Luna dann mit unsicherer Stimme weiter vor, »jedes Buch ist ein Versprechen: Dass ihr ein klein wenig mehr seid, nachdem ihr es gelesen habt. Nicht alle Bücher erfüllen dieses Versprechen, aber wer tut das schon?
Also: Zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, gingen an einem sonnigen Herbsttag die blau lackierten Stufen der knarzenden Holztreppe hinauf. Sie hatten die alte Schatzkarte dabei, auf der ein dickes, rotes Kreuz aufgemalt war – und zwar oben im Dachzimmer.
Sie suchten hinter und unter dem plüschigen Sessel, der neben dem Fenster stand, durch das weiches Licht fiel. Schauten unter dem Tisch nach, den eine gehäkelte bunte Decke schmückte. Nahmen den Inhalt des massiven Wohnzimmerschranks in Augenschein – auch hinter dem dicken, roten Buch. Eine Schatztruhe fanden sie jedoch nicht.
Bevor sie enttäuscht den Rückweg hinunter antraten, warfen sie einen Blick aus dem Fenster, schauten über die Dächer des Dorfs hinweg zu den goldgrünen Hügeln und dem graublauen Herbsthimmel. Eine Weile blieben sie sitzen, auf den dicken, weichen Armlehnen des alten Sessels. Als sie schließlich das Dachzimmer verließen, hatten sie das Gefühl, dass irgendwas anders war als vorher …«
»Hör auf, das … das ist gruselig«, stotterte Mick und griff nach Lunas Arm. Seine Hand war kalt, schwitzig und zog sich ganz schnell wieder zurück.
»Etwas ist wirklich anders«, flüsterte Luna und ließ das Buch sinken.
»Hör auf, hör auf«, bettelte Mick.
»Im Buch gibt es keine Kaffeekanne.«
Die beiden Kinder starrten das dunkelblaue Porzellangefäß auf dem Tisch an, als hätten sie einen Schatz entdeckt.
Luna fand zuerst ihre Stimme wieder. »Vielleicht … vielleicht wollte Oma, dass wir etwas von ihr mitnehmen.«
»Aber keinen Schatz, oder?« Mick klang etwas enttäuscht.
Luna zeigte auf Kaffeekanne und Buch. »Jeder von uns bekommt eins davon«, bestimmte sie. »Oma ist nicht mehr da, aber sie ist irgendwie im roten Buch, und die Kanne ist doch wirklich schön, oder? Sie hat versteckte kleine Ziermuster, schau!«
»Ich mag aber keinen Kaffee und keine Bücher«, beschwerte sich Mick.
Luna hielt ihm das Buch hin. »Kann sich ja mal ändern«, meinte sie. Ihr weiches Lächeln erinnerte Mick in diesem Moment an das ihrer beider Großmutter.
Bevor die beiden den Rückweg hinunter antraten, warfen sie einen Blick aus Omas Fenster, schauten über die Dächer des Dorfs hinweg zu den grünen Hügeln und dem blauen Sommerhimmel.
Als sie schließlich das Dachzimmer verließen, hatten sie das Gefühl, dass wirklich irgendetwas anders war als vorher.

ENDE


GEWINNSPIEL FRAGE:

Was steht auf dem Tisch neben dem Sessel?
A: eine abgebrannte Kerze, B: eine alte Kaffeekanne
oder C: ein blaues Buch?

Die Antwort versteckt sich in der Geschichte. Also: aufmerksam lesen und mitmachen!

Schreiben Sie uns die Antwort als Kommentar unter diesen Artikel bzw. auf Facebook mit einer Kontaktmöglichkeit und einer gültigen E-Mailadresse und/oder schicken Sie uns die Antwort zusammen mit der Frage per E-Mail an aktion@en-aktuell.com. Die Gewinner werden ausgelost und per E-Mail oder Facebook-Nachricht über den Gewinn benachrichtigt. Einsendeschluss ist der 25. September 2026. Es gelten unsere aktuellen Teilnahmebedingungen.

Das ist Uwe Post

Uwe Post, Jahrgang 1968, ist Software- und Spieleentwickler, IT-Berater sowie Autor von IT-Fachbüchern und SF-Kurzgeschichten und -Romanen. »Walpar Tonnraffir und der Zeigefinger Gottes« wurde 2011 mit dem Deutschen Science Fiction Preis und dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien in Zusammenarbeit mit Uwe Hermann der Sammelband »KI – Komische Intelligenz«. Aktuell ist Posts Kurzgeschichte »Blumen für Lisa-9« für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert. Uwe Post ist außerdem Mitherausgeber des Future Fiction Magazines (Deutsche Ausgabe). Er lebt mit seinen beiden Kindern in Wetter-Esborn.

Weitere Infos finden Sie auf seiner offiziellen Webseite www.uwepost.de.

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