Interview mit Karen Nowak

Der Artikel „Meine Bilder bestehen aus ganz vielen Schichten, wie das Leben eben auch – Interview mit Karen Nowak“ erschien in der EN-Aktuell 03/26. In der Zeitschrift ist nur ein gekürzter Teil des Interviews zu lesen. Das komplette Interview finden Sie hier: zum Anschauen, Anhören oder Lesen.

Das Interview anschauen statt lesen

Wer lieber zusieht oder zuhört statt liest, findet hier das komplette Gespräch als Video oder Audio:

„Meine Bilder bestehen aus ganz vielen Schichten, wie das Leben eben auch“

 

Für Karen Nowak ist Malen weit mehr als kreatives Arbeiten. In ihrem neuen Atelier in Ennepetal möchte sie Menschen dazu ermutigen, sich auszuprobieren, Gefühle auszudrücken und dabei vielleicht etwas über sich selbst zu entdecken. Im Interview erzählt sie, wie die Malerei zu einem wichtigen Teil ihres Lebens wurde und warum es manchmal Mut braucht, einfach anzufangen.

Heute im Interview haben wir Karen Nowak, die seit diesem Sommer ein Atelier auf der Mittelstraße 10 in Ennepetal betreibt. Herzlich willkommen Karen, schön, dass du dir die Zeit nimmst für dieses Interview.

Ja, vielen Dank, danke, dass ich da sein darf.

Sehr gerne. Wie ich gerade erwähnt habe, hast du diesen Sommer dein Atelier eröffnet und darin zeigst du nicht nur deine Kunst, die man bewundern und kaufen kann, sondern du lädst auch Menschen dazu ein, ein bisschen Farbe selber an die Finger zu bekommen. Erzähl doch mal, was das für eine Idee ist und wie letztendlich aus dieser Idee ein neuer Ort entstanden ist.

Also, da muss ich ein ganz kleines bisschen ausholen.

Gerne.

Kunst ist schon immer ein großer Faktor in meinem Leben gewesen. Ich habe schon immer gemalt. Das hängt ein bisschen mit meiner Geschichte zusammen. Ich habe viel versucht, mich über meine Kunst auszudrücken. Schon als Kind war ich immer kreativ und wollte, als ich noch jung war, sogar Kunst studieren. Das hat man mir ein bisschen ausgeredet. Ja, das war dann damals immer noch so die Zeit. Das sei eine fruchtlose Geschichte. Dann bin ich Grafikerin geworden. Und dann kam das Leben dazwischen. Ich habe drei Kinder bekommen. Und da ist das Malen so ein bisschen ins Hintertreffen geraten. Es war dann nur noch ein Nebenher-Hobby. Das fand ich schade. Und dann habe ich irgendwann zum Ausgleich wieder angefangen zu malen. Abends, weil ich wirklich gemerkt habe, es fehlt mir was. Etwas, das essentiell ist. Ich brauche etwas, das mich runterbringt, das meinen Kopf ordnet und meine Gedanken wieder irgendwie in die Reihe bringt. Und dann habe ich das Malen wieder angefangen. Meine kleinste Tochter, die war damals neun oder zehn, hat mich dabei beobachtet und hat gefragt: „Was machst du denn da?“. „Ich male jetzt abends ein bisschen!“. Ich habe mir dafür circa eine Viertelstunde Zeit genommen. Und dann hat sie mein Bild angeguckt und fand es toll. Und fragte: „Wolltest du mal Künstlerin werden?“. Und damit hat sie wirklich diesen einen Punkt erwischt, ihn genau getroffen. Und ich habe gedacht: „Ja, schon!“. Und dann habe ich ihr erzählt, wie das Leben so spielt. Und ein paar Tage später kam sie und hatte mir so eine ganz kleine Leinwand gemalt. Und da steht drauf: Lass deine Träume nicht los. Das hängt auch hier im Atelier. Das war das erste Bildchen, das ich aufgehängt habe. Und das war, auch wenn es total kitschig klingt, der Stein, der das Ganze ins Rollen gebracht hat. Weil der Gedanke war natürlich da, als Grafikerin hat man sowieso immer mit Kreativität und Kunst und so zu tun. Und ich wollte das immer machen. Ich wollte immer von der Kunst leben können und es geriet ins Hintertreffen. Was soll ich sagen, die Umstände… Aber da habe ich gedacht: „Ja! Ich bin jetzt nicht mehr ganz so jung (die Anfang 20 sind vorbei, die Anfang 30 sind auch vorbei). Wenn ich das jetzt nicht wirklich in Angriff nehme, dann mache ich es nie! Und dann habe ich mich hingesetzt, habe ein Konzept ausgearbeitet, habe mir überlegt, was ich so machen könnte und ob ich mir das zutraue und habe wieder intensiver gemalt. Erst einmal bei mir zu Hause. Und dort wurde es relativ schnell eng. Und ich hatte zudem gutes Feedback bekommen. Und dann habe ich gedacht: „So, ich mache das jetzt einfach!“ Und dann habe ich mir einen Raum gesucht und bin hier gelandet.

Du hast dein Atelier in Ennepetal eröffnet. Warum Ennepetal? Bist du schon lange mit Ennepetal verbunden?

Ich lebe mit meiner Familie in Ennepetal. Meine großen Kinder sind jetzt 18 und wir sind hierher gezogen, als sie zwei waren. Es ist lange her. Also ich lebe schon viele Jahre hier. Meine Kinder sind hier groß geworden und ich habe eine Verbindung zu Ennepetal und der Umgebung. Und ja, ich habe natürlich auch etwas gesucht, wo ich nicht eine Stunde Auto fahren muss, um hinzukommen: Es sollte gut erreichbar sein. Und deswegen ist es Ennepetal geworden.

Du schreibst bei Instagram, ich fühle zu viel, deshalb male ich. Erst mal ein sehr starker Satz. Was ist ein Gefühl, das du sehr schwer in Worte bekommst, aber sehr gut mit Farbe und Pinsel umsetzen kannst?

Das ist schwierig auszudrücken, eben weil mir die Worte fehlen. Auch da darf ich vielleicht kurz ausholen. Mein Vater ist gestorben, als ich 10 war.

Das tut mir leid.

Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis. Als ich 10 war, das war im Jahre 1989. Ich habe zu der Zeit in Ostberlin gewohnt. Die Älteren werden sich erinnern, dass das die Wendezeit war. Zu dieser Zeit ist wahnsinnig viel passiert in meinem Leben. Die Familie hat sich verändert, das Außen hat sich verändert. Alles hat sich verändert, komplett. Und ich war total überfordert. Ich konnte nicht darüber sprechen, über nichts von dem, was da über mich hereingebrochen ist. Und da habe ich angefangen zu malen. Ich habe dieses Gefühl der Trauer ausgedrückt, was mich tatsächlich bis heute auch begleitet. Auch wenn man es nicht sieht und die fröhlichen Farben das oft überdecken, ist es so, dass die meisten meiner Bilder immer düster anfangen. Meine Bilder bestehen aus ganz vielen Schichten, wie das Leben eben auch. Und meistens ist es so, dass ich die unguten Gefühle nicht gut ausdrücken kann. Es fällt einem natürlich immer leichter zu sagen: „Mir geht es gut und ich bin gerade so glücklich und könnte die Welt umarmen!“. Aber wenn es einem schlecht geht, bringt man das nicht so leicht über bringt man das nicht so leicht über die Lippen, ich zumindest nicht. Und das ist immer etwas, was ich als Erstes loswerde, wenn ich ein neues Werk anfange. Und dann kommen die Schichten. Und meistens, wenn ich Glück habe, wenn das Bild Glück hat, endet es in etwas Positivem, in etwas Fröhlichem, in etwas Bejahendem. Darum geht es eigentlich immer, dass man immer die Kurve kriegt und sagt: „Es geht weiter! Lass dich nicht runterziehen!“ Wenn du mich nach dem Grundgefühl fragst, dann ist es schon eher das Trübsinnige. Das muss ich schon zugeben.

Wenn du ein Bild beendet hast und du schaust es an, kommen dann beide Gefühle hoch? Das Traurige und das Positive?

Ich merke, dass ich einfach besser damit umgehen kann. Wenn ich es einmal geordnet habe oder auf die Leinwand gebracht habe, das nach außen getragen habe, was gerade los war, dann weiß ich, welches Gefühl mich angetrieben hat. Aber ich bin beruhigt über mich selbst, dass ich sagen kann, ich komme darüber weg. Ich kann diesen Tiefpunkt überwinden und kann mich daraus arbeiten, im wahrsten Sinne des Wortes.

Du hast gerade über die Farbschichten gesprochen. Du schreibst, du möchtest gerne, dass die Menschen unter die Farbschichten schauen. Da würde mich interessieren, was findet man dort, wenn man unter die Farbschichten schaut? Unter deinen oder vielleicht auch unter den Farbschichten, die die Gäste in deinem Atelier selber malen dürfen?

Das wäre mein größter Wunsch, dass die Menschen, die hier reinkommen, das erleben. Oder wenn sie vielleicht ein bisschen gehemmt oder zurückhaltend sind, dass sie den Mut haben, in sich hineinzufühlen und die Oberflächlichkeit wegzulassen. Und nicht immer zu spielen, sondern die echten Gefühle zuzulassen. Egal, ob die gut oder böse sind oder wie auch immer. Es geht darum, wahrhaftig zu sein. Das ist auch so ein tragendes Wort. Mir fällt jetzt gerade kein anderes ein. Aber es geht darum, authentisch zu sein, sich wirklich anzunehmen und zu zeigen, wer man ist. Und eben nicht nur die Fassade. Das dürfen die Menschen gerne erfahren, wenn sie meine Bilder betrachten. Auch wenn ich mit den Menschen über meine Bilder spreche, habe ich kein Problem damit, zu sagen, was der Ursprung war. Aber dass sie das für sich selber erfahren, das fände ich auch ganz toll, ehrlich gesagt.

Hast du schon deine ersten Workshops gehabt, bei denen Menschen zu dir kamen, die gemalt haben? Ist das passiert? Hast du erlebt, dass da Farbschichten entstanden sind und Menschen da genauer hingeschaut haben?

Also ich muss zugeben, ich hatte erst einen Erwachsenen-Workshop. Und der war aber anders, weil das ein Paar-Workshop war. Es waren drei Paare und für sie war es eher die Herausforderung, zusammenzuarbeiten. Aber auch da hat man das gemerkt. Es war ein Geschenk für Teile dieser Paare und da war der eine oder andere Teil eher unfreiwillig dabei. Das hat man schon gemerkt. Das war wirklich eine Abwehrhaltung. „Ich kann gar nicht!“, „Ich bin überhaupt nicht kreativ!“, „Da kommt sowieso nichts bei rum!“. Und dann habe ich gedacht: „Ich kriege euch schon!“. Und das ging dann auch ganz schnell. Und das ging dann auch ganz schnell, dass sie losgelassen und sich aufeinander eingelassen haben, zusammengearbeitet haben. Und auch mit Schichten in mehreren Arbeitsgängen richtig tolle Bilder entstanden sind. Und sie sich die Werke hinterher angucken konnten und es einen Interpretationsspielraum gab. Als ich mich dann hinterher mit den Paaren unterhalten habe und gesagt habe: „Guck mal, für mich wirkt das wie…“ Und dann haben sie gesagt: „Ja, du hast recht!“. Das ist einfach so entstanden. Genau, das ist die Kunst.

Hört sich an, als wenn man mit mehr als nur einem Bild danach bei dir rausgeht.

Ja, wenn man eines im Herzen hat, dann ist der Tag rund, sage ich mal.

Wie oft bietest du denn solche Workshops an? Wie kann man daran teilnehmen?

Man kann teilnehmen, indem man mir auf Instagram folgt. Da stehen alle Termine drin. Ich muss dazu sagen, ich bin Vollzeit berufstätig als Grafikerin. Das heißt, ich kann das noch nicht rund um die Uhr anbieten. Das ist das Ziel, aber noch geht es nicht. Und deswegen findet einmal in der Woche eine Art offenes Atelier für Erwachsene statt. Da kann jeder reinkommen, wie er möchte, mit vorheriger Anmeldung. Und kann frei arbeiten, wenn man zu Hause keinen Platz hat, wenn man einen Schutz hat, was auch immer. Das ist aber eben kein Workshop in dem Sinne. Es gibt kein einzelnes Thema, es gibt keine großartigen Anleitungen. Ich bin hier und helfe. Das findet jeden Donnerstag statt für die Erwachsenen und einmal im Monat freitags für die Kinder. Da habe ich auch schon Anmeldungen für. Und dann gibt es jeweils für Erwachsene und Kinder einen Workshop mit Thema im Monat. Ich leite an und es werden Techniken vermittelt. Das ist dann mehr wie in der Schule.

Es kommen doch bestimmt viele, die sagen „Ich kann nicht malen!“. Glaubst du denn, dass jeder Mensch malen kann?

Ich glaube, dass jeder Mensch eine gewisse Art von Kreativität in sich hat. Und einen gewissen inneren Ausdruck. Und dass es eher das persönliche Hemmnis ist, was einen daran hindert, das rauszulassen. Und natürlich ist jetzt nicht jeder gleich talentiert. Aber sich auf einer Leinwand, auf einem Stück Papier, auf einem Stück Holz, in einer Tonfigur auszudrücken, das kann jeder, wenn er sich darauf einlassen möchte. Das ist meine Erfahrung. Es dauert auch nicht lange, bis das passiert. Bis man an diesen Punkt kommt und man zumindest sagt „Ach ja, gut, das Ergebnis ist vielleicht…, aber es hat mega Spaß gemacht!“. Und das ist ja auch schon mal was, wenn man ein bisschen gelöster ist.

Ich höre schon, der Weg ist das Ziel. Es geht um das, was mit einem passiert, während man künstlerisch aktiv wird.

Ja, genau. Es ist viel der Prozess, das stimmt.

Klingt spannend. Zum Schluss würde ich gerne ein kleines Spiel mit dir machen, was wir in allen unseren Interviews machen. Ich würde dir gerne Begriffe nennen und hätte gerne ganz kurze, spontane Antworten von dir, ohne lange drüber nachzudenken. Fangen wir mal mit dem ersten an.

Leinwand.

Großes Potenzial, viele Möglichkeiten.

Das Künstlerleben.

Herausfordernd. Aber schön.

Und das Familienleben?

Das muss momentan zurückstecken, aber ich kriege das hin!

Dann hätte ich den Begriff Freiheit für dich.

Freiheit ist ganz wichtig, finde ich, in ganz vielen Sinnen. Freiheit ist einfach Mensch sein. So sein, wie man ist. Ohne sich verstellen zu müssen. Angenommen werden. Sich ausleben dürfen. Egal, im Privaten, im Äußeren, im Politischen. Das ist schon ein großer Begriff. Ich versuche jeden Tag dafür zu kämpfen, dass das hier auch erhalten bleibt. Das muss ich jetzt an dieser Stelle noch sagen.

Kunterbunt.

Kunterbunt ist das Leben. Und es ist genau so richtig.

Und zuallerletzt habe ich noch Ennepetal für dich.

Ennepetal. Ennepetal und ich, wir hatten einen relativ schwierigen Start. Aber inzwischen mag ich diesen Ort. Er ist vielleicht nicht der schönste, das gebe ich zu. Aber die Umgebung, das Grüne, die kleinen Überraschungen, die man hier hat, die liebe ich inzwischen sehr. Und ich habe schon sehr, sehr viele, viele, viele, viele liebe Menschen getroffen, die ein ganz großes Herz haben. Und das finde ich toll.

Wunderschön gesagt. Liebe Karen, vielen herzlichen Dank für dieses Interview. Ich wünsche dir ganz viel Glück und ganz viele Menschen, die dich in deinem Atelier besuchen kommen, mit dir malen und auch deine Kunst entdecken. Alles, alles Gute dafür.

Vielen lieben Dank. Danke für die Möglichkeit.

Mehr über Karen Nowak erfahren:

artnowa_k | Kunst & Kreativzeit
Karen Nowak
Mittelstr. 10
58256 Ennepetal

Telefon: +49 1706626397
E-Mail: post@artnowak.de

Verpassen Sie keine Termine oder Aktionen!!! Jetzt EN Aktuell Newsletter abonnieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen
×