„ES GEHT DARUM, DASS WIR UNS BEWUSST MACHEN, DASS MENSCHEN AUFGRUND VON BEDÜRFNISSEN HANDELN!“
Lucy Mindnich im ausführlichen Interview. In der aktuellen Ausgabe der EN-Aktuell (02/26) ist nur ein Ausschnitt des Gesprächs erschienen. Hier können Sie das vollständige Interview nachlesen, anhören oder im Videoformat verfolgen.
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Wer lieber zusieht oder zuhört statt liest, findet hier das komplette Gespräch als Video oder Audio:
Es geht darum, dass wir uns bewusst machen, dass Menschen aufgrund von Bedürfnissen handeln!“
In diesem Interview beschäftigen wir uns mit dem Thema „Gewaltfreie Kommunikation“ (GfK) und haben dazu Lucy Mindnich zu einem Gespräch eingeladen. Sie ist GfK-Trainerin und Gründerin von Roots of Change. Sie begleitet Menschen in Kursen, Workshops, Seminaren und Einzelgesprächen und möchte so dazu beitragen, dass immer mehr Menschen die Kraft von Empathie, Wahrheit und wertschätzender Kommunikation erfahren.
Hallo Lucy. Vielen lieben Dank, dass du dir die Zeit genommen hast. Du bist hier nicht alleine. Das ist Dein Hund?
Das ist Benji.
Hallo Benji. Du bist Trainerin für gewaltfreie Kommunikation. Du hast Kommunikationswissenschaft, Germanistik und Psychologie an der Universität in Münster studiert. Wenn du jemandem erklären müsstest, was gewaltfreie Kommunikation ist, damit er es auch auf Anhieb versteht, wie würdest du es dann machen?
Ich finde es immer am spannendsten, einfach direkt in die Erfahrung zu gehen. Vielleicht würde ich dann auch direkt mit einem Beispiel starten. Der zentrale Punkt für mich ist, dass die Gewaltfreie Kommunikation sehr bedürfnisorientiert ist. Jede Handlung, die ein Mensch macht, geht darauf zurück, dass die Person bestimmte Bedürfnisse hat. Wir alle sehnen uns nach Gemeinschaft, nach Wertschätzung. Der Hund sehnt sich wahrscheinlich gerade nach Wärme und Kuscheln. (lacht) Wir gucken immer, wenn jemand auf eine bestimmte Art und Weise handelt, worum geht es der Person eigentlich wirklich oder worum geht es mir wirklich? Dadurch entsteht ganz viel Verständnis, Begegnung und Verbindung
Du hattest eingangs gesagt, du würdest vielleicht direkt auf die Erfahrung zurückgreifen. Ein Beispiel?
Wie ich das mit dir machen würde? Hast du z.B. irgendeine Situation in letzter Zeit, wo du dich geärgert hast oder gestresst warst?
Ja! Tatsächlich noch heute Morgen, als ich die Kinder zur Schule fertig machen musste. Das werden vielleicht viele Mütter und Väter nachvollziehen können. Es ging nicht schnell genug. Irgendwann setzt dann der Stress ein und man achtet auf die Uhr und man wird einfach gehetzt. Dementsprechend ändert sich auch die Kommunikation zu den Kindern. Das wäre ein Beispiel, das mir ad hoc einfallen würde.
In der Situation hast du gerade schon erzählt, du hast dich sehr gestresst gefühlt in dem Augenblick. War das so?
Ja, korrekt. Wir müssen ja rechtzeitig raus. Die Schule wartet ja nicht auf uns. Dementsprechend wird auch in dieser Stresssituation die Kommunikation ein bisschen rauer. Einfach mit dem Ziel, dass die Kinder schnell im Auto sind, damit wir zur Schule fahren können. Gibt es etwas, was ich da hätte besser machen können? Oder wie könnte ich daran arbeiten?
Dann würden wir erst mal gucken, worum ging es dir im Kern? Was für ein Bedürfnis war dahinter? Das klingt jetzt vielleicht so, dass es dir um Effizienz ging oder dass du vielleicht auch verlässlich sein wolltest, dass du pünktlich hier sein wolltest?
Korrekt.
Das ist der erste Schritt, dass man guckt: worum geht es mir eigentlich? Und sich damit zu verbinden. Manchmal reicht das schon. Das bringt einfach auch schon den eigenen Körper runter. „Mir geht es gerade darum, dass es verlässlich und schnell klappt.“ Manchmal hilft das schon. Vielleicht ist auch der nächste Schritt, das auszudrücken und den Kindern gegenüber zu sagen: „Ich merke gerade, ich bin total gestresst. Mir ist total wichtig, dass wir das heute alles mit den Terminen hinkriegen.“ Dann eine Bitte zu äußern und zu sagen: „Könnt ihr euch vorstellen, euch ein bisschen zu beeilen?“ Den Kindern geht es dann vielleicht um ihr Autonomiebedürfnis. Oder sie sagen: „Mir geht das gerade viel zu schnell. Ich brauche ein bisschen Langsamkeit.“ Dann geht es darum zu gucken, wie kann man die Bedürfnisse der Kinder, die sich vielleicht nach Autonomie sehnen, und dein Bedürfnis nach Effizienz und Verlässlichkeit zusammenbringen.
Angeschrien habe ich die Kinder nicht, aber natürlich sehr gehetzt heute Morgen. Dass das eine Möglichkeit wäre, den Kindern zu erklären, warum ich gerade laut werde: „Ich werde gerade laut, weil wir zu spät dran sind. Du musst pünktlich zur Schule. Ich will nicht, dass du dich verspätest. Deswegen bin ich gestresst. Deswegen reagiere ich jetzt gerade ein bisschen anders in dieser Situation als sonst.“
Genau, zum Beispiel. Oft ist es auch in der Situation viel schwieriger. Bei mir geht es ganz oft darum, es auch im Nachhinein noch mal zu besprechen mit meiner Tochter: „Eigentlich habe ich heute Morgen gar nicht so mit dir gesprochen, wie ich das eigentlich wollte. Ich bedauere das total. Ich fände es schön, wenn wir so langfristig eine Lösung finden, wie wir das morgens stressfrei schaffen.“
Auch schon präventiv und nicht nur erst in der Situation, wenn es dann so weit ist.
Ja, genau.
Kannst du dich erinnern, wann du das erste Mal mit der gewaltfreien Kommunikation in Berührung gekommen bist? Was hat dich damals so gecatcht, dass du gesagt hast, da möchte ich dran bleiben?
Ja, total gut. Ich war damals in einer buddhistischen Meditationsgruppe. Da gibt es immer ein sogenanntes Dharma-Sharing, wo man teilt, was gerade in einem lebendig ist. Und die anderen hören einfach nur zu. Da lagen Erdbeeren in der Mitte. Und eine Teilnehmerin hat dann geteilt, wie sehr sie sich darüber aufregt, dass die Gastgeberin jetzt Erdbeeren mitgebracht hat. Und das im September! Das sei total schädlich für das Klima. Sie hat sich die ganze Zeit darüber echauffiert, dass da die Erdbeeren liegen. Die Gastgeberin war total entspannt und eher neugierig: „Ach, okay.“. Sie hat sich das angehört, war total entspannt und neugierig. Ich dachte, wie macht sie das? Am Ende stellte sich heraus, sie war noch nicht mal diejenige, die die Erdbeeren mitgebracht hat. Sie hätte einfach sagen können: „Das sind gar nicht meine Erdbeeren.“ Stattdessen hat sie sich das angehört und war total neugierig und offen. Dann habe ich sie später darauf angesprochen: „Wie schaffst du das? Ich würde so gerne auch so reagieren können.“ Dann hat sie mir erzählt, dass sie GfK praktiziert. Und da bin ich neugierig geworden. Ich habe mich dann angemeldet. Da war ich noch junge Mutter und wir hatten viele Konflikte in der Partnerschaft, im gestressten Familienleben. Dann haben mein Mann und ich zusammen das erste Wochenendseminar besucht.
Okay, alles klar. Viele verbinden mit der gewaltfreien Kommunikation nur eine Technik oder ein Kommunikationstool. Wenn man das so beschreiben würde, würde viel verloren gehen. Es ist mehr als das, oder?
Ja, total. So ging es mir auch bei dem ersten Wochenende. Ich dachte, das ist ein Kommunikationsmodell. Jetzt spreche ich immer so. Ich fand es auch ein bisschen künstlich, dass man dann quasi immer so abarbeitet, wie man spricht. Das ist das, was viele Menschen damit verbinden. Je tiefer ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr habe ich verstanden, eigentlich geht es um eine bestimmte Lebenshaltung. Und zwar darum, dass wir uns bewusst machen, dass Menschen aufgrund von Bedürfnissen handeln. Dann geht es auch gar nicht mehr so sehr um die Art, wie ich spreche. Sondern eher darum, anderen Menschen mit Neugier und Offenheit zu begegnen. Und vor allem mir selber zu begegnen und zu spüren, worum es mir geht. Eigentlich ist es für mich eine Lebenshaltung. Es hat dann auch etwas Spirituelles. Ich bin fest davon überzeugt, dass Menschen aufgrund ihrer Bedürfnisse handeln. Also versuche ich herauszufinden, wonach sie sich sehnen.
Wir kommunizieren ja jeden Tag. Aber das erste Mal richtig thematisch mit GFK in Verbindung gekommen, bin ich beispielsweise im Rahmen des Abiturs, in der Fachpädagogik. Vielen wird diese Art der Kommunikation dann vielleicht auch eher bewusst, wenn Kinder auf der Welt sind. Nimmst du denn wahr, dass sich in dieser Hinsicht etwas aktuell ändert?
Ja, einerseits schon. Ich glaube, auch in der Bubble, in der ich mich bewege. Aber ich glaube, gerade in Bezug auf Kindererziehung tut sich ganz viel. Dass wir versuchen, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen. Wirklich zu verstehen, was die Kinder brauchen, was sie möchten. Und dann auch Lösungen auszuhandeln, die allen gerecht werden, also sowohl den Kindern als auch den Erwachsenen. Da tut sich, glaube ich, sehr viel. Und auch in den Schulen. Ich habe schon den Eindruck, dass da Neugierde ist. Und dass die Menschen sich danach sehnen. Und gleichzeitig sehe ich ganz viel Veränderungspotenzial.
Auch Potenzial. Darauf zieht nämlich meine nächste Frage. Wenn Kinder schon früh gewaltfreie Kommunikation lernen würden, und zwar nicht nur immer der Empfänger zu sein, sondern vielleicht auch selber derjenige, der dann kommuniziert auf diese Art und Weise, würdest du sagen, dass sich dann in unserer Gesellschaft etwas verändern würde?
Ja, ich bin davon fest überzeugt, dass sich dann ganz viel verändern würde. Ich glaube tatsächlich, dass es eigentlich sogar unsere natürliche Art ist, zu kommunizieren. Marshall Rosenberg, der Begründer der gewaltfreien Kommunikation, hat zum Beispiel erzählt: wenn wir uns ein Baby angucken, das schreit, drückt es damit ein Bedürfnis aus. Es sagt: „Ich habe Hunger, ich brauche dies oder das.“ Und das ist ganz natürlich. Das Baby geht davon aus, dieses Bedürfnis hat ein Recht und ich möchte das ausdrücken. Und das vertraut auch darauf, dass es erfüllt wird. Ich glaube, eigentlich geht es eher darum, diese Art der Kommunikation zu bewahren und nicht zu verlernen. Ich glaube, dass es eigentlich sogar eher so ist, dass das die natürliche Art der Kommunikation ist und dass wir das im Laufe der Zeit verlernen. Und was sich verändert, wenn wir es nicht verlernen, ist, dass wir lernen, sowohl für unsere eigenen Bedürfnisse stark einzutreten, als auch für die anderen. Und das Vertrauen haben, dass wir immer eine Lösung finden, die allen Lebewesen dient.
Ich finde es aktuell tatsächlich momentan im Weltgeschehen sehr schwierig, weil empfindungsgemäß das Gegenteil von gewaltfreier Kommunikation passiert. Wenn ich mir jetzt führende Persönlichkeiten vor Augen führe, beispielsweise aus der Politik, und man hört Sätze wie „Es soll Bomben regnen“ oder „Eine ganze Zivilisation soll ausgelöscht werden“. Genau diese Art der Kommunikation begegnet uns tagtäglich und da denke ich mir, das konterkariert doch komplett einer gewaltfreien Kommunikation.
Ich glaube, es zeigt umso mehr, wie sehr wir die GfK eigentlich brauchen und wie viel wir eigentlich verlernen müssen. In der GfK würden wir sagen, dass auch unter so schrecklichen, schrecklichsten Strategien wie Bombenwerfen eigentlich im Kern ein total schönes Bedürfnis ist, zum Beispiel das Bedürfnis nach Sicherheit oder das Bedürfnis nach…
Frieden.
Frieden. Ja, wahrscheinlich.
Das ist ja im Prinzip Sicherheit.
Genau. Nur die Strategien sind furchtbar und schrecklich. Aber wenn wir uns wieder darauf konzentrieren würden, worum es eigentlich geht, dann könnten wir ganz viel verändern. Aber es ist superschwer.
Es ist schwierig. Ich kann mir vorstellen, dass es auch schwierig ist, weil man auch vielleicht unbewusst dann diese Art der Kommunikation auch annimmt.
Ja.
Und gerade, wenn es uns vorgelebt wird von Menschen, die vielleicht bestenfalls Role Models sind, an die wir uns vielleicht orientieren wollen und dementsprechend auch die Art der Kommunikation adaptiert.
Lucy, auf deiner Webseite, ich hoffe, ich spreche den Namen richtig aus, erwähnst du auch Yoram Mosenzon. Er hat sogar eine Schule gegründet, die Giraffen-Schule, in der die gewaltfreie Kommunikation eine große Rolle spielt. Aber er steht auch gleichzeitig für radikale Ehrlichkeit. Und Empathie. Jetzt frage ich mich: führt diese radikale Ehrlichkeit nicht eher zu Verletzungen und Rissen in der Beziehung? Wie passen diese beiden Begriffe zueinander?
Er erzählt dazu total gerne eine Geschichte, die ich auch gerne erzählen würde. Ganz am Anfang, noch bevor er gewaltfreie Kommunikation gelernt hat, saß er mal mit Freunden zusammen und hat gesagt: „Sollen wir mal ein Spiel spielen? Wir sind jetzt alle mal radikal ehrlich.“ Weil er sich so danach gesehnt hat. Und dann hat er angefangen und hat zu einer Frau gesagt: „Ich finde dich total hässlich!“.
Das war radikale Ehrlichkeit!
Das war seine radikale Ehrlichkeit. (lacht) Und dann war er erstmal still. Und es ist großer Streit unter den Freunden ausgebrochen. Und als er dann die gewaltfreie Kommunikation kennengelernt hat, hat er sich mit dem Satz noch mal beschäftigt und sich überlegt, was er eigentlich sagen wollte. Es ging ihm darum, dass er der Person gegenüber verunsichert war, weil er den Eindruck hatte, sie sei nicht ehrlich und sie überspiele etwas. Und er hat sich danach gesehnt, dass sie ehrlich, authentisch und offen ist. Und das fand er hässlich, dieses Überspielen der eigenen Ehrlichkeit. Und das war eigentlich seine tiefe Sehnsucht. Und wenn er gesagt hätte: „Ich sehne mich so nach einem ehrlichen Kontakt. Was brauchst du, damit du verletzlicher sein kannst? Weil ich gerne in eine tiefere Verbindung mit dir gehen würde.“ Das wäre ganz anders angekommen. Und das ist das Problem! Dass wir oft lernen, in Urteilen zu sprechen und nicht gucken, was unter diesen Urteilen liegt. Und das meint er mit radikaler Ehrlichkeit. Und wenn man jetzt eine sehr geschulte Person hat, die die gewaltfreie Kommunikation lernt, dann kann es gut sein, dass sie es dann mit dir gemeinsam schafft, diesen Satz zu übersetzen, wenn sie nicht selber total getriggert ist von dem Satz, was ja auch selbstverständlich wäre.
Ich finde das auch grundsätzlich gut. Und man kann ja niemanden verletzen, wenn man beispielsweise seine eigene Gefühlswelt beschreibt. Situationen vielleicht aus dem Alltag, aus der Beziehung. Das Paar streitet sich. Und es ist ja tatsächlich ein Unterschied, ob man sagt: „Du nimmst mich nicht ernst!“ Oder: „Ich habe das Gefühl, dass du mich nicht ernst nimmst.“ Das kommt ja bei dem Gegenüber ganz anders an. Wenn jemand dieses Gefühl hat, dann hat er dieses Gefühl. Das ist ja dann nicht konfrontativ, sondern es ist ja auf sich selbst angerichtet. Zielt das auch so in diese Richtung?
Ja, genau. Es geht immer darum, bei mir selber zu bleiben und zu sagen: „Okay, ich sehne mich danach, ernst genommen zu werden. Und ich möchte so gerne, dass wir auf eine andere Art und Weise kommunizieren. Möchtest du das auch?“ Und dann erst mal zu gucken, was die andere Person möchte.
Lucy, du schreibst über dich, dass du neurodivergent bist. Ich kann mir vorstellen, dass einige Leser oder auch Zuschauer nicht sofort etwas mit diesem Begriff anfangen können. Könntest du uns das kurz erklären? Was bedeutet das?
Das ist etwas, was ich noch nicht so lange weiß und herausgefunden habe. Deshalb merke ich auch, dass ich selber noch ganz viel darüber lerne. Es bedeutet, dass mein Gehirn anders funktioniert, als es vielleicht bei der Mehrheit der Fall ist. Und ich glaube, dass darin auch ein bisschen begründet ist, warum ich die gewaltfreie Kommunikation so faszinierend finde. Weil sie mir quasi ein Rahmenwerk gibt, wie ich in Verbindung mit Menschen trete. Und bei mir zeigt sich das z.B. daran, dass ich sehr empfindlich gegenüber Geräuschen und Gerüchen bin, dass ich einen extrem hohen Gerechtigkeitssinn habe und es wirklich fast körperlich nicht aushalten kann, wenn ich eine Ungerechtigkeit sehe. Und auch, dass ich diese schonungslose Ehrlichkeit irgendwie brauche. Dass ich mit Unehrlichkeit nicht gut umgehen kann. Oder auch mit Smalltalk ein Problem habe. Und da merke ich, wie sehr es mich anstrengt. Vor allem, dass mich Sachen anstrengen, die andere Menschen vielleicht nicht so anstrengen. Und ich gewisse andere Rahmenbedingungen brauche.
Du hast gerade gesagt, du weißt es erst seit Kurzem. Weißt du ungefähr, wann du angefangen hast zu verstehen, dass du die Welt anders wahrnimmst?
Ich glaube, gemerkt habe ich das immer schon. Aber ich hatte kein Erklärungsmodell dafür. Und ich habe gemerkt, dass es bestimmte Menschen gibt, mit denen ich leichter in die Verbindung komme, als mit anderen. Und da stellt sich im Rückblick heraus, dass die auch neurodivergent sind.
Die Frage hast du ja quasi schon beantwortet. Aber würdest du sagen, dass gerade aufgrund deiner Neurodivergenz du einen anderen Zugang zur gewaltfreien Kommunikation hast?
Ja, auf jeden Fall. In Teilen macht es mir das leichter. Und in Teilen macht es das auch schwieriger. Ich bin z.B. sehr sensibel gegenüber Emotionen. Sowohl meine eigenen, als auch die anderer und das auch in der Gruppe zu spüren. Das ist zum einen total toll als Trainerin, weil ich dann weiß, auf welche Person ich jetzt noch mal genauer gucken möchte. Zum anderen ist es aber auch sehr anstrengend, sodass ich mehr Zeit für mich nach einem Training brauche. Ich habe z.B. gemerkt, dass es für mich sehr herausfordernd ist, lange einen Vortrag zu halten. Weil auf so einer Meta-Ebene die ganze Zeit bei mir ganz viele Gedanken ablaufen. Und ich mich noch mal sehr viel mehr hinterfrage, als es, glaube ich, neurotypische Menschen machen. Ich fühle mich immer sicherer in einer Dialogrolle und in einer zuhörenden Rolle. Da lerne ich langsam, das auch mehr anzupassen. Und zu gucken, ob ich auch eine andere Trainerin-Tätigkeit brauche, dass ich da auch anders drauf eingehe.
Bezieht sich das auf die Kommunikation oder z.B. auch auf Reize?
Auch auf Reize, genau.
Lucy, zum Abschluss möchte ich mit dir eine Fragerunde machen. „Sechs Begriffe, sechs spontane Antworten“. Ich sage dir Begriffe, du antwortest intuitiv.
Mitmenschen.
Finde ich teilweise sehr herausfordernd. Und total spannend. Ich merke, dass ich durch die GfK noch mal neugieriger geworden bin, meine Mitmenschen kennenzulernen. Und wirklich auch dieses Mitmenschliche zu entdecken. Also das, was uns verbindet.
Wut.
Wut liebe ich inzwischen. Ich hatte eine sehr komplizierte Beziehung zu Wut. Ich glaube, dass unter Wut häufig was ganz Verletzliches, ganz Tiefes, ganz Kindliches liegt. Oder etwas, das wir beschützen wollen, wovor wir vielleicht selber Angst haben. So etwas wie Ohnmacht oder eine tiefe Furcht. Und deshalb finde ich Wut total spannend, darunter zu gucken, und zu gucken, worum es wirklich geht.
Missverständnisse.
Ja, Missverständnisse. Passiert irgendwie. So, so, so häufig. Ich finde es total spannend, bei Missverständnissen hinzugucken, wirklich noch mal nachzufragen, worum es der anderen Person geht. Da habe ich mir angewöhnt (Yoram nennt das Reality-Checks machen) und zu gucken: „Ich habe das so und so verstanden, stimmt das?“
Krieg
Ja, Krieg ist aus meiner Sicht eine ganz furchtbare Strategie. Oft setzen wir Krieg ein, um Frieden herzustellen und sehen irgendwie das Paradoxe daran nicht. Ja, ich wünsche mir so sehr, dass wir hier eine andere Strategie finden, um unsere Bedürfnisse zu erfüllen.
Kinder
Für mich ist meine Tochter meine größte Lehrerin. Also für mich ist sie auch ein totales „Bullshit-Radar“. Sie merkt, wenn ich die GFK quasi spiele und wenn ich künstlich etwas frage, weil ich denke: „Okay, ja gut, hier geht es um das und das Bedürfnis“. Oder wenn ich wirklich mit dieser Haltung komme, mit dieser ehrlichen Offenheit und Neugier. Ich finde es ganz wunderbar, was wir von Kindern lernen können.
Den Ausdruck „Bullshit-Radar“ merke ich mir. Der ist gut. Kinder können uns einen tollen Spiegel vors Gesicht setzen. Was Mitmenschen eher nicht machen, sondern die Kinder.
Ja.
Und zum Abschluss, Herdecke.
Es hat ein bisschen gebraucht, aber inzwischen würde ich Herdecke als meine Heimat bezeichnen. Ich liebe hier vor allem die Natur, die Wälder, auch die Architektur, die Fachwerkhäuser, die Berge, die Wälder. Ich fühle mich hier sehr wohl. Schön.
Lucy, vielen lieben Dank für den spannenden Einblick in deinen Alltag. Dir beruflich wie auch privat alles erdenklich Gute. Und vielen lieben Dank für deine Zeit für dieses Interview.
Ja, vielen, vielen Dank. Hat mir sehr viel Spaß gemacht.
Dito. Dankeschön.

Lucy Mindnich, Trainerin für Gewaltfreie Kommunikation
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